Stimme sichtbar machen
Vielleicht hast du dich schon mal gefragt, ob man die eigene Stimme auch irgendwie „sichtbar“ machen kann. Und tatsächlich: Die Stimme lässt sich nicht nur hören – sie lässt sich auch beobachten und messen.
Die Elektroglottografie (EGG) – im unteren Bereich des Bildes – zeigt, wie sich die Stimmlippen beim Singen oder Sprechen öffnen und schließen und die Spektralanalyse – im oberen Bereich des Bildes sekundengenau, wie sich der Klang im Vokaltrakt formt und verändert.
Beide Methoden liefern wertvolle Hinweise – zum Beispiel, wenn du Registerübergänge, Lautstärkeschwankungen oder Veränderungen in der Klangfarbe besser verstehen und gezielt daran arbeiten möchtest.

Spektralanalyse
Die Spektralanalyse zeigt, wie sich der Klang deiner Stimme im Zeitverlauf verändert.
Ein Mikrofon nimmt deine Stimme auf und ein Computerprogramm wandelt die Schallwellen in ein sogenanntes Spektrogramm um. In dieser grafischen Darstellung kannst du dann erkennen, welche Frequenzen zu welchem Zeitpunkt aktiv sind: Tiefe Töne erscheinen im unteren Bereich, höhere Töne weiter oben.
Besonders gut sichtbar werden dementsprechend die Obertöne – das sind höhere Frequenzen, die harmonisch zur Grundfrequenz mitschwingen und deinen Stimmklang maßgeblich prägen. Im Spektrogramm sind es die Linien über der ersten, der Grundlinie.
Elektroglottographie
Die Elektroglottografie (EGG) misst mithilfe von zwei kleinen Elektroden am Hals, wie sich die Stimmlippen beim Singen oder Sprechen bewegen. Genauer gesagt zeigt die EGG-Kurve den Stromfluss zwischen den seitlich am Kehlkopf angebrachten Elektroden. Je mehr Kontakt die Stimmlippen haben, desto stärker der Stromfluss.
Millisekundengenau kann somit erkennbar werden, wann sich die Stimmlippen öffnen und schließen und wie lange sie dabei Kontakt haben. Sind die Stimmlippen geschlossen ist die Linie oben, da der Strom stärker durch die Berührung geleitet wird. Ist die Linie unten, sind die Stimmlippen geöffnet, und es fließt weniger Strom, weil kein Kontakt mehr besteht.

Registerwechsel sichtbar machen
Wenn du singst, öffnen und schließen sich deine Stimmlippen rhythmisch. Verändert sich dieses Bewegungsmuster beispielsweise durch einen Registerwechsel, verändert sich meist auch der Klang.
- Mit der Elektroglottografie (EGG) erkennst du, wie sich das Schwingungsverhalten der Stimmlippen verändert.
- Mit der Spektralanalyse wird sichtbar, wie sich Tonhöhe, Klangfarbe oder Obertöne im Verlauf verändern.
Beim Jodeln oder in manchen Popsongs kannst du einen plötzlichen Wechsel im Klang als Stilmittel hören. Dieser sogenannte Registersprung wird in der klassischen Gesangstechnik dagegen meist geglättet oder bewusst vermieden. In Messungen zeigen sich solche Wechsel oft als Knicke oder abrupte Veränderungen im Muster – sowohl im EGG, im DEGG als auch im Spektrogramm.
Damit du dir besser vorstellen kannst, wovon ich spreche, habe ich dir die Aufnahme zweier Glissandi eingefügt. Oben im Bild siehst du das Spektrogramm, darunter in Grün ein EGG und in Blau ein DEGG. Besonders das weiterentwickelte DEGG macht plötzliche Veränderungen wie Registerwechsel oder Glottisinstabilitäten noch deutlicher sichtbar.
Zusätzlich sind die Larynxmechanismen M0 bis M3 eingezeichnet. Diese Einordnung kann helfen, verschiedene Stimmodi besser zu verstehen.
Die Larynxmechanismen M0 bis M3
Die Stimmforscherin Nathalie Henrich Bernardoni beschrieb erstmals systematisch, wie sich Veränderungen im Schwingungsverhalten der Stimmlippen messen und einordnen lassen.
Um diese Unterschiede klar zu fassen, führte das Collegium Medicorum Theatri im Jahr 1983 vier Kategorien ein: die sogenannten Laryngeal Vibratory Mechanisms, kurz M0 bis M3. Sie beschreiben, wie die Stimmlippen je nach Tonhöhe und Klangqualität schwingen – von der lockeren, tiefen Bewegung in M0 bis zur hochfrequenten, fast pfeifenden Schwingung in M3. Hier ein kurzer Überblick:
M0 – Die lockerste Schwingung
In M0 schwingen die Stimmlippen langsam, locker und mit wenig Spannung.
Die Bewegung ist oft auf den vorderen Teil der Stimmlippen begrenzt und kann etwas unregelmäßig verlaufen.
Der sogenannte Open Quotient – also der Anteil der Öffnungszeit pro Schwingungszyklus – ist in diesem Register besonders niedrig. Die Verschlussphase dauert also vergleichsweise lang.
M0 tritt vor allem bei sehr tiefen Frequenzen auf, meist um die 80 Hz – etwa so tief wie das E in der männlichen Sprechstimme.
In der Stimmbildung ist M0 auch bekannt als Vocal Fry, Strohbass oder Pulse Register. Er kann auch zur Entspannung der Stimme genutzt werden oder um Übergänge in höhere Register vorzubereiten.
M1 – die kräftige Bruststimme
In M1 schwingen die Stimmlippen massig, mit vollem Kontakt. Der Vocalis ist dabei aktiver als der CT.
Der sogenannte Open Quotient liegt etwas höher als in M0, aber noch im unteren Bereich.
M1 ist typisch für die Bruststimme – also fürs Sprechen sowie fürs Singen in tiefer bis mittlerer Lage.
Auch ein kraftvolles Belting kann teilweise in M1 produziert werden – vorausgesetzt, Atemführung, Resonanzräume und Koordination sind gut abgestimmt. Besonders hilfreich kann Twang dabei sein, denn er sorgt für Tragfähigkeit, Klangfokus und schützt die Stimme.
M2 – Die leichte Kopfstimme
In M2 schwingen hauptsächlich die Ränder der Stimmlippen, und der CT ist aktiver als der Vocalis.
Die Öffnungsphase ist länger als die Schlussphase. Der sogenannte Open Quotient liegt entsprechend höher als in M1.
Typisch für M2 ist ein heller, flexibler Klang, oft mit etwas weniger „Körpertiefe“.
Bekannt ist dieser Modus als Kopfstimme, Randstimme, Falsett oder Loft.
Der Tonumfang in M1 ist begrenzt. In M2 kannst du aber auch höhere und tiefe Töne singen und dabei die Stimme oft spürbar entlasten.
Ein bewusster Wechsel zwischen M1 und M2 kann außerdem dabei unterstützen, Registerübergänge zu glätten.
M3 – das Pfeifregister
In M3 schwingen die Stimmlippen mit sehr hoher Frequenz und unter großer Spannung. Oft ist nur ein hauchdünner Rand beteiligt – die Bewegung ist minimal, der Kontakt meist unvollständig.
Das Ergebnis ist ein heller, fast pfeifender Klang, der auch als Whistle Voice oder Flageolett bekannt ist.
M3 liegt typischerweise im Frequenzbereich zwischen 1000 und 1400 Hz. Diese extrem hohen Töne hört man vor allem bei Koloratursopranen, aber auch in Pop, Jazz oder Weltmusik wird dieser Modus gezielt als klanglicher Effekt eingesetzt.
Spannend ist aber auch, wie unterschiedlich die Modi je nach Genre klingen können. Im klassischen Gesang wirkt das Pfeifregister oft resonanzreich eingebettet, im Pop erinnert es eher an luftige Flötenklänge. Die Schwingungsformen bleiben ähnlich, doch die Klangästhetik unterscheidet sich oft deutlich. Das liegt auch am sogenannten Formanten-Tuning. Aber darüber spreche ich ein andermal. In diesem Sinne: Gönn deiner Stimme eine Pause und lass den Theoriekram in Ruhe sacken. Ich freu mich, wenn du bald mal wieder vorbeischaust.

Ah, noch was: Bei der Recherche zu diesem Thema bin ich auf das Programm VoceVista gestoßen, das man auch als Privatperson mit Laptop und Mikro nutzen kann. Es verbindet akustische Analyse mit physiologischen Messwerten und macht so hörbare Veränderungen sichtbar.
Gerade wenn du an Formanten oder Klangfarbe feilst, Registerwechsel besser verstehen oder Entwicklungen im Unterricht dokumentieren willst, kann VoceVista richtig hilfreich sein.
Die Software ersetzt keine Diagnostik, liefert aber eine präzise visuelle Ergänzung zur Eigenwahrnehmung und Gehör und kann so helfen, das Zusammenspiel von Klang, Körper und Technik noch besser zu verstehen. Ich hab das Programm für 2026 schonmal fest auf meinen Wunschzettel notiert. 🤓
Quellen:
- Automatic classification of laryngeal mechanisms in singing based on the audio signal, Everton B. Lacerda, Carlos A. B. Mello*, ScienceDirect, 08.05.24
- Identifikation natürlicher Stimmgattungen bei Nicht- und Laiensänger:innen, Verena Landspersky, Masterarbeit · Uni Regensburg, 08.05.24
- Nathalie Henrich Bernardoni. Mirroring the voice from Garcia to the present day: some in- sights into singing voice registers.. Logopedics Phoniatrics Vocology, 2006, 31 (1), pp.3-14.10.1080/14015430500344844 . hal-00344177
- On the use of electroglottography for characterisation of the laryngeal mechanisms – Scientific Figure on ResearchGate. Available from: https://www.researchgate.net/figure/Illustration-of-the-four-laryngeal-mechanisms-on-an-ascending-glissando-sung-by-a-soprano_fig3_228809718 [accessed 8 Jul, 2024]





