Im letzten Beitrag ging es um Frequenzen und Formanten, und daran möchte ich heute anknüpfen. Formanten prägen den Klang eines Vokals und damit auch, wie verständlich oder resonant deine Stimme wahrgenommen wird. Hör dir einmal bewusst einige deiner Lieblingsstimmen an. Achte auf ihre Artikulation und ihre Vokale. Vielleicht bemerkst du, dass vor allem die Vokale den Klang ihrer Stimme tragen und dass manche von ihnen ihre Vokale verändern, wenn sie kräftige und hohe Töne singen. Warum? Das versuche ich hier zu erklären.
Vokale!
Die akustische Unterscheidung verschiedener Vokale beruht hauptsächlich auf den ersten beiden Formanten (F1 und F2). Sie bestimmen unabhängig von der gesungenen Tonhöhe, wie ein Vokal wahrgenommen wird.
Schau dir das nächste Bild an. Du siehst ein „Vokaldreieck“ mit den Vokalen i, e, a, o, u sowie den Umlauten ü, ö, ä. Es zeigt dir, grob gesagt, wo sich bei ihrer Bildung die Zunge im Mundraum befindet.
Probier's aus
Singe oder sprich doch mal bewusst alle unsere Vokale durch. Von vorne nach hinten i e a o u und von hinten nach vorne u o a e i. Was nimmst du wahr?
Das i findest du links oben im Vokaldreieck. Die Zunge ist beim i also weit vorne und eher oben. Beim u wandert sie weiter nach hinten, bleibt aber ebenfalls oben. Beim a bewegt sie sich dagegen weiter nach unten und eher mittig in den Mundraum. Übrigens, da Zungenbewegungen immer auch Auswirkungen auf deinen Kiefer haben, müsste deine Mundöffnung beim a weiter geöffnet sein als bei i oder u.

Wenn wir Vokale bilden, verändern wir also die Form des Vokaltrakts: Die Zunge bewegt sich nach vorne, hinten, oben oder unten, der Kiefer öffnet sich mehr oder weniger, und auch die Lippen können gerundet oder eher offen sein. Zusätzlich kann ein Vokal gespannter oder lockerer gebildet werden. All diese kleinen Unterschiede beeinflussen die Formanten.
Formanten prägen den charakteristischen Klang eines Vokals. Jeder Vokal hat sein eigenes Formantenprofil. Dadurch erkennst du ein a als ein a oder ein o als ein o. Jeder Vokal besitzt also einen akustischen „Fingerabdruck“. Auf dem Bild siehst du auch F1 und F2 eingezeichnet: Beim i ist F2 größer als beim u, weshalb es heller und präsenter klingt. Beim a ist dagegen F1 größer als beim u, wodurch sein Klang offener und manchmal sogar weniger dunkel wirkt als der des u.
Die fünf Grundvokale
| Vokal | Typ | Zungenposition | Gesang / Hinweis |
| A | Offen / neutral | Tief, mittig | Ein A kann deine brustige Qualität fördern, aber auch schnell knödelig werden. Versuche, den Klang wieder weiter nach vorne zu bringen und setze ein L oder N vor das A – z.B. LA, NA oder BLA auf einem absteigenden 5-4-3-2-1. |
| E | Mittel / hell | Mittel, vorne | Offenes ɛ (betten) vs. langes eː (beten). Funktioniert oft gut für Mittelstimme und Übergänge. Tipp: Bleib bei einem Diphthong wie „ei“ möglichst lange auf dem ersten, dunkleren Vokal und füge den zweiten erst spät hinzu. Denn der zweite Anteil verändert häufig stärker die Artikulation und damit auch Klangfarbe und Resonanz. |
| I | Geschlossen / hell | Hoch, vorne | Kurzes ɪ (bitten) vs. langes iː (bieten). Kann dir helfen, eine kopfigere Klangqualität zu trainieren. Klingt es zu eng? Versuch es mit dem entspannteren ɪ wie in „bitten“. Fehlt dem Klang dagegen Fokus, probier ein schmaleres iː wie in „bieten“. |
| O | Mittel / dunkel | Mittel, hinten | Offenes ɔ (Motte) vs. langes oː (Boot). Wandert dein O zu sehr Richtung U? Dann kann es helfen, den Mundraum etwas weiter zu öffnen und die Lippen weniger stark zu runden. |
| U | Geschlossen / dunkel | Hoch, hinten | Kurzes ʊ (Mutter) vs. langes uː (Mut). Kann schnell hohl oder dumpf klingen. Bei Enge: Öffne den Vokal etwas Richtung O. Ein langes uː kann helfen, die Stimme leichter in eine kopfigere Klangqualität zu führen. Klingt der Ton zu gedeckelt, vielleicht sogar nasaliert? Dann setze einen Plosiv wie B vor das U – z.B. BU oder BUB im Staccato. |
Probier's aus
Singe ein O und gehe langsam nach vorne zum E. Was nimmst du wahr? Richtig – ein Ö. Umlaute verbinden klanglich Eigenschaften verschiedener Vokale und liegen artikulatorisch gewissermaßen dazwischen.
Tipp
Nutze Vokale beim Singen bewusst! Und versuche, sie stabil zu halten. Denn sobald du deinen Mundraum während eines Vokals veränderst, veränderst du auch seinen charakteristischen Klang.
Vokalmodifikation
Bei der Vokalmodifikation veränderst du die Position eines Vokals im Mundraum ganz leicht. Dadurch passt sich der Klang besser an die jeweilige Tonhöhe an und deine Stimme kann freier schwingen. Das kann helfen, Intonationsprobleme, Registerbrüche oder Verspannungen zu reduzieren. In der klassischen Stimmbildung begegnet dir dafür häufig auch der Begriff Vokalausgleich.
Die Stimme folgt dabei akustischen Zusammenhängen: Ziel ist es, Stimme und Vokaltrakt möglichst günstig aufeinander abzustimmen. Das nennt man Formant-Tuning. Dafür veränderst du leicht deine Kieferöffnung, die Zungenposition oder die Lippenform. Und obwohl sich die Klangfarbe leicht anpasst und der Ton leichter singbar wird, bleibt der ursprüngliche Vokal für das Ohr oftmals sogar erhalten.
Probier's aus
Singe ein langes I wie in „Liebe“ in entspannter Tonhöhe (♀ ≈ E4, ♂ ≈ E3) und gleite langsam zu einem offeneren I wie in „bitten“.
Wenn du dich sicher fühlst, wandere Ton für Ton hinauf bis zu deinem ersten Registerübergang und versuche, während der Modifikation auch dein Vibrato beizubehalten. Falls es dir schwerfällt, im kopfigen Mix zu bleiben, oder wenn deine Stimme luftig wegbricht, kann es helfen, ein N vor den jeweiligen Vokal zu setzen.
In der Complete Vocal Technique (CVT) von Cathrine Sadolin wird besonders deutlich, dass bestimmte Klangqualitäten mit bestimmten Vokalen leichter oder stabiler funktionieren. Je nach Vocal-Mode verändern sich deshalb Vokalformung, Klangfarbe und Resonanzstrategie. Während manche Modes eher offene und direkte Vokale bevorzugen, arbeiten andere mit runderen, helleren oder stärker fokussierten Vokalen. Finde ich spannend. Spätestens dann, wenn ich euch die Complete Vocal Technique von Cathrine Sadolin einmal genauer vorstelle, erzähle ich euch deshalb noch mehr zum Thema Vokale.
Hinweis: Wenn du eine Vokalposition gefunden hast, halte sie möglichst stabil. Kleine unbewusste Veränderungen im Mundraum können besonders bei langen Tönen zu Schwankungen in Klangfarbe, Resonanz oder Intonation führen.
Vokalmodifikation ist also keine Zauberei, sondern ein nützliches Werkzeug. Je bewusster du deine Vokale formen kannst, desto leichter kann deine Stimme auf verschiedenen Tonhöhen in Balance bleiben. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie du Vokale für deine Stimme nutzen kannst und mit welchen Übungen du deine Stimme trainieren kannst, buch dir gerne eine kostenlose Probestunde bei mir.
Konsonanten können beim Singen übrigens auch eine interessante Rolle übernehmen. Während Vokale den eigentlichen Klang tragen, strukturieren Konsonanten Sprache, Rhythmus und Verständlichkeit. Gleichzeitig können sie Vokale beeinflussen und ihnen helfen, besser zu klingen. Manche Konsonanten fördern zum Beispiel den Vordersitz, den Mix oder helfen beim Stimmlippenschluss.
Wie man Konsonanten gezielt als „Assistenten“ nutzt, schauen wir uns in einem späteren Beitrag noch genauer an.

Quellen und weiterführende Literatur:
- SingWise: Vowels, Formants and Vowel Modification, https://www.singwise.com/articles/vowels-formants-modifications, (abgerufen am 03.03.2026)
- Christian Lehmann: Phonetik – Vokale und Formanten, https://www.christianlehmann.eu/ling/lg_system/phon/05_Vokale.html, (abgerufen am 03.03.2026)
- Mathias Knuth: Zirkeltraining für die Stimme. Funktionale Übungen für mehr Kraft und Belastbarkeit, 1. Auflage, Schulz-Kirchner Verlag, 2018.

